Was hat Sie damals 2002 an Jugend debattiert so überzeugt, dass Sie sich landesweit für das Programm eingesetzt haben?
„Mich hat von Anfang an begeistert, dass Jugend debattiert die Förderung von verbalem Austausch, situationsangemessenem Sprechen und verständlicher Sprache im schulischen Kontext systematisch verankert. Beteiligte Lehrkräfte besuchen gezielte Fortbildungen, das wird auch eingefordert, und entsprechende Trainings werden angeboten. Gleichzeitig gibt es motivierende und perfekt zugeschnittene Lehrmaterialien, die entwickelt wurden, um die Kommunikationsfähigkeit junger Menschen im Unterricht und im außercurricularen Bereich zu fördern. Und es werden gut vorbereitete Unterrichtskonzeptionen zur Verfügung gestellt. Von den Netzwerkschulen wird erwartet, dass sie mit ihrer Schülerschaft die inhaltlich einheitlichen Jugend debattiert-Trainings durchführen.
Gleichzeitig können Schülerinnen und Schüler im Wettbewerb ihre erworbenen kommunikativen Kompetenzen anwenden. Dafür gibt es Beurteilungskriterien, die die Sachkenntnis, das Ausdruckvermögen, die Gesprächsfähigkeit und die Überzeugungskraft so erfassen, dass sie von Teilnehmenden für ihre Vorbereitungen einer Debatte und von Juroren für ihre Bewertungen genutzt werden können.“
Als Lehrer wollten Sie Jugendlichen nie nur den Stoff vermitteln, sondern auch Werte und Verantwortungsgefühl. Welche Rolle kann Jugend debattiert dabei spielen?
„In Debatten und Diskussionen geht es nicht nur um den Austausch von Argumenten. Ganz wichtig ist meiner Meinung nach ebenso die Erkenntnis, dass ich nur dann qualifiziert argumentieren kann, wenn ich das Thema multiperspektivisch betrachte und gleichzeitig fremde Meinungen und meine eigene Einstellung stetig kritisch hinterfrage. Das ist meine Eigenverantwortung.
Aber natürlich gehört es ebenfalls zu meiner Verantwortung, meinem Gegenüber wertschätzend zu begegnen. Dazu benötigt man ein positives Selbstwertgefühl, ein gewisses Einfühlungsvermögen und einen respektvollen Umgang miteinander. Hier sehe ich das bewusste Zuhören, Ehrlichkeit und Toleranz als entscheidende Säulen, die wir mit trainieren.“
Sie haben über zwei Jahrzehnte hinweg Schülerinnen und Schüler beim Debattieren begleitet – was haben Sie in dieser Zeit gelernt?
„Schülerinnen und Schüler sind in den letzten Jahren selbstsicherer geworden. Es wäre vermessen zu sagen, dass das ausschließlich an der Teilnahme am Projekt Jugend debattiert liegt. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass Jugend debattiert ein sehr wichtiger Baustein ist, um jungen Menschen souveränes Auftreten, Liberalität und Aufgeschlossenheit zu vermitteln.
Des Weiteren sehe ich, dass sehr gute Angebote bei der heutigen Jugend Interesse für Dinge wecken können, die über die Reize und Verlockungen der neuen Medien hinausgehen. Schülerinnen und Schüler recherchieren für die ausgewählten Themen, sie setzen sich hinsichtlich ihrer Gedanken mit Freunden und Familienangehörigen auseinander, sie planen ihre Redebeiträge. Und das alles intrinsisch motiviert!
Ich habe also auch gelernt, dass sich Jugendliche immer noch für Bildung begeistern lassen und entgegen einiger Vorurteile Leistungsbereitschaft und Engagement zeigen.“
Die Rahmenbedingungen für Debatten sind durch Social Media und Polarisierung herausfordernder geworden. Welche Eigenschaften oder Entwicklungen beeindrucken Sie bei jungen Debattierenden heute besonders?
„Aufgrund der schon erwähnten gestiegenen Selbstsicherheit heutiger Schülergenerationen bin ich der Überzeugung, dass sie sich in ihrem weiteren Leben behaupten können. Sie haben u. a. in den Unterrichtseinheiten von Jugend debattiert das Handwerkszeug für den faktenbasierten Diskurs erworben. Aus diesem Grund werden sie den Herausforderungen trotzen können. Sie werden mit Fairness punkten, sie werden ausdrucksstark und strukturiert argumentieren und als Vorbilder eine bedeutende Rolle in unserer Gesellschaft einnehmen.“
Niedersachsen war unter Ihrer Leitung bei Jugend debattiert sehr erfolgreich – mit acht Finalteilnahmen und zwei Bundessiegen. Worauf führen Sie diesen Erfolg zurück? Gibt es in Ihrem Bundesland eine besondere Debattenkultur?
„Natürlich freuen wir uns, wenn Schülerinnen und Schüler unseres Bundeslandes möglichst gute Platzierungen während der Bundesqualifikation oder sogar im Finale erzielen. Aber viel wichtiger ist es für uns, dass wir möglichst viele Schulen dazu bewegen können, an dem Projekt Jugend debattiert dauerhaft teilzunehmen. Dazu bedarf es motivierter Lehrkräfte und der Unterstützung aller Gremien einer Schule. Hier ist es unsere Aufgabe, dafür zu werben und die vielen Vorteile von Jugend debattiert in die Schulöffentlichkeiten zu tragen. Dabei werden wir durch sehr gute Angebote des Projektbüros unterstützt. Ergänzend zu den altersangepassten Lehrmaterialien gibt es hervorragende Arbeitsblätter, Energizer und Toolboxen. Auch die digitale Lernplattform sowie der zukünftige Debattier-Bot sind ausgezeichnete Möglichkeiten, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte von der Teilnahme am Projekt Jugend debattiert zu überzeugen.“
Wenn Sie auf 25 Jahre Jugend debattiert zurückblicken: Welcher Moment (oder welche Begegnung) ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
„Es fällt mir schwer, einzelne Augenblicke herauszustellen. Dennoch beobachte ich seit Beginn des Projekts, dass auf allen Wettbewerbsebenen eine außergewöhnliche Atmosphäre des Zusammenhalts besteht. Durch das gemeinsam erworbene Wissen auf der Teilnehmerseite sowie das jahrelange Miteinander von Projektlehrkräften, von Koordinatorinnen und Koordinatoren auf allen Ebenen, Lehrertrainerinnen und -trainern bis hin zu Hertie-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern kommt ein Zusammentreffen trotz des Wettstreits stets einem familiären Aufeinandertreffen sehr nah. In dieser Stimmung lässt sich hervorragend debattieren und arbeiten.
Des Weiteren finde ich es spannend, zu beobachten, welche positiven Wandlungen das Projekt durchlaufen und sich an aktuelle Situationen angepasst hat. In den ersten Jahren von Jugend debattiert lag allen die Förderung von Sprachkultur und kommunikativen Fähigkeiten am Herzen. Mittlerweile hat sich der Fokus erweitert. Jetzt wird ebenso sehr darauf geachtet, in unserem Tun die Basis für eine sachlich-konstruktive Streitkultur zu schaffen. Letztere ist gerade in einer Zeit mit zunehmendem Populismus von immenser Bedeutung.“
Was wünschen Sie Jugend debattiert für die Zukunft?
„Ich wünsche Jugend debattiert, dass sich alle am Projekt beteiligten Personen die Freude am gemeinsamen Tun bewahren und die Offenheit für Veränderungen sowie das Brennen für die Sache erhalten. Jugend debattiert ist einzigartig!“