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Was machen Twitter & Co mit unserer Streitkultur?

Aus dem Jd-Büro

Wir kommunizieren heute ständig und überall. Per Smartphone, PC oder Tablet können wir Shitstorms auslösen und uns bei gesellschaftlichen Streitfragen einschalten. Egal ob über Facebook, die Internetseite einer Nachrichtensendung oder Twitter. Doch verbessern die neuen Kommunikationskanäle tatsächlich unsere Debattenkultur? Ein Kuratoriumsmitglied und ein Alumus von Jugend debattiert beziehen Stellung.



Lukas Barth

PRO: Crowdsourcing zeigt: Was ist vielen Menschen wichtig?

Um die Chancen zu erkennen, die sich hier bieten, muss man zunächst zwischen Inhalt und Form unterscheiden. Was den Ton betrifft: Im Internet wird anders kommuniziert als in einer Face-to-Face-Situation, direkter und härter. Digital Natives können das einordnen und verstehen ein hartes Wort nicht als Verdammnis. Zum Inhaltlichen: Eine Auseinandersetzung im Internet ist nicht mit einer geplanten Debatte, wie sie etwa bei Jugend debattiert stattfindet, vergleichbar. Und nicht alles im Internet ist Gold, was glänzt. Es gibt Leute, die twittern 200 Tweets am Tag, und es ist nichts Vernünftiges dabei. Trotzdem: Das Internet und die Möglichkeiten der Teilhabe, die es bietet, schaden der Debattenkultur nicht, sondern eröffnen Chancen. Das Internet hat etwas hervorgebracht, das man Wikipedia-Kultur nennen könnte, den Abgesang an die Expertengläubigkeit und eine Stärkung des eigenverantwortlichen Umgangs mit Informationen: Ich glaube etwas erst, wenn es durch Quellen belegt ist. Natürlich muss ich lernen, mit der Informationsflut umzugehen. Ich kann nicht die Updates von 500 Twitter-Accounts verfolgen. Doch im Gegensatz zu den klassischen Medien kann ich meine Filter selbst bestimmen, etwa über News-Aggregatoren. Und ich bin nicht nur Empfänger, sondern auch Sender. Mittels Crowdsourcing zeigt sich: Was ist vielen Menschen wichtig? Themen, die von Politik und Medien ignoriert werden, können über das Prinzip der Schwarmintelligenz doch ihren Weg auf die Agenda finden. Beispiel ACTA. Erst als die Aktivitäten im Netz nicht mehr zu ignorieren waren, haben die klassischen Medien das Thema aufgegriffen. Es wäre eine eingeschränkte Sicht, nur törichte Forenbeiträge als Messlatte dafür zu nehmen, wie das Internet und seine Kommunikationswege unsere Debattenkultur befruchten können. Natürlich gibt es Risiken. Und damit Individuen die gebotenen Möglichkeiten tatsächlich sinnvoll nutzen können, brauchen sie Bildung, ein Verständnis für die strukturellen Gegebenheiten des Internets und die Bereitschaft, schon Bekanntes immer wieder zu hinterfragen. Der Internet-Aktivist Eli Pariser etwa löste mit seinem Buch „Filter Bubble“ eine Diskussion aus, wie stark intransparente und unkontrollierbare Algorithmen, etwa bei Google oder Facebook, um uns eine Blase bilden, in der nur unsere eigene Meinung als Echo widerhallt. Man muss bereit sein, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Ohne Mühe zu einer fundierten Position zu gelangen, das geht auch im und über das Internet nicht.

Lukas Barth studiert am Karlsruher Institut für Technologie Informatik. Er ist Alumnus und Bundesieger 2006 Jugend debattiert.


Prof. Dr. Herfried Münkler

CONTRA: Bloße Meinung statt Argumentieren und Abwägen

Mit den neuen Medien wurde ein Prozess der Beschleunigung in Gang gesetzt, der nicht automatisch zu mehr Qualität geführt hat. Stattdessen hat ein Reflexionsschwund stattgefunden. Argumentieren, Zuhören und Abwägen wird zunehmend durch bloße Meinungsäußerung ersetzt. Man kann über die Aggression und Respektlosigkeit staunen, mit der sie oft hervorgebracht wird. Ohne physische Präsenz, die die Gewähr für die Ernsthaftigkeit der eingenommenen Position ist, wird im Internet in der Manier von Heckenschützen anonym in den Raum geschossen. Dass das Netz sehr vielen Menschen ermöglicht, sich in Streitfragen einzumischen, ist ein ernsthaftes Argument. Doch kann Menge tatsächlich das Maß der Dinge sein, wenn das Ergebnis zerfledderte Diskussionen und ein diffuses Hintergrundrauschen sind? Das Internet hat keine Filter, wie ein Leserbriefschreiber sie akzeptieren muss: Dort bündelt die Redaktion nachvollziehbar Positionen, moderiert durch Auswahl und sorgt für eine Konzentration der Diskussion. Und auch andernorts gilt: Eine zielführende Debatte braucht Vorbildung und Kultivierung. Wer teilnehmen möchte, wägt zuvor seine Argumente ab und ringt um eine präzise Ausdrucksweise. Das Internet verlangt all dies nicht mehr. Die Einstiegskosten sind damit für den Einzelnen extrem gesunken. Dafür zahlen wir sie alle bei der Rezeption. Dass öffentliche Debatten sich verändert haben, ist nicht allein Twitter oder Facebook zur Last zu legen. Schon über ein Jahrzehnt zuvor war in Bundestagsdebatten Argumentation zur Positionierung zusammengeschrumpft. Schließlich muss das Wesentliche in zwanzig Sekunden gesagt sein, damit es gesendet werden kann. Und in TV-Talkshows, wohin politische Debatten längst ausgelagert sind, zählt ebenfalls nicht argumentative Stringenz, sondern Unterhaltung, ein bisschen Krawall, die gute Pointe. Doch manche Fragen sind so bedeutsam für unsere Zukunft, dass ernsthaft über sie nachgedacht werden muss. Das findet öffentlich kaum mehr statt. Wir bewegen uns auf eine expertokratische Herrschaft zu, in der einige wenige im Hintergrund entscheiden, ohne sich um das große Geschwätz da draußen zu kümmern. Wir müssen lernen, dass Freiheitsspielräume, wie das Internet und andere Medien sie uns eröffnen, Kosten haben: eine Pädagogik, die Umgang und Dosierung vermittelt und ein gesellschaftliches Nachdenken, wie wir klug mit den uns gebotenen Möglichkeiten umgehen wollen. Sind wir nicht bereit, diese Kosten zu begleichen, wird wenig Substanzielles entstehen.

Prof. Dr. Herfried Münkler - der Politikwissenschaftler lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Kuratoriumsmitglied von Jugend debattiert.

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