Ein bundesweiter Wettbewerb
Mit der Entscheidung, Jugend debattiert als bundesweiten Wettbewerb nach einheitlichen Standards durchzuführen, war auch die Aufgabe verbunden, Schulen in allen 16 Bundesländern für ein gemeinsames Curriculum zu gewinnen. Im ersten Jahr des Bundeswettbewerbs stand der Zielpunkt für alle Beteiligten fest: Am Ende des Schuljahrs 2002/03 sollten die besten Debattantinnen und Debattanten des Landes im Schloss Bellevue zu einem Bundesfinale aufeinandertreffen. Der Wettbewerb fand auf mehreren Ebenen statt. Daraus ergaben sich die Zeiträume, in denen Lehrkräfte qualifiziert, das Debattieren im Unterricht vermittelt und die Siegerinnen und Sieger auf die nächste Ebene vorbereitet wurden.
Die Basis-Seminare für Lehrerinnen und Lehrer folgten dem bereits in der Pilotphase gewählten Ansatz, Übungen und Formate selbst auszuprobieren und das Debattieren damit aus der Innenperspektive kennenzulernen. Dabei wurde erfahrbar, dass die Qualität einer Debatte stark davon bestimmt wird, wie weit die Beteiligten sich um eine gemeinsame Sachklärung bemühen. Zwar spielt es auch eine Rolle, ob man in der Lage ist, seine Position klar zu formulieren und entschieden zu vertreten. Eine Debatte bei Jugend debattiert ist jedoch kein Schlagabtausch, bei dem die andere Seite angegriffen oder bewusst missverstanden wird. Im Gegenteil: Das entscheidende Kriterium im Wettbewerb beschreibt die Fähigkeit, in einem Gespräch auf andere einzugehen und sich mit ihren Beiträgen ernsthaft auseinanderzusetzen.
Vom Klassenwettbewerb über Schul- und Verbundwettbewerb bis hin zu Landes- und Bundeswettbewerb wird auf allen Stufen nach denselben Regeln debattiert und werden Debatten nach denselben Kriterien beurteilt. Sie verlangen von den Schülerinnen und Schülern die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich auf ein Thema gründlich vorzubereiten, ihre Ideen klar und verständlich zu formulieren, einander zuzuhören, den Überblick zu bewahren und überzeugend für eine Position einzutreten. In der Anfangszeit des Bundeswettbewerbs wurde die Möglichkeit, eine Position in der Debatte zu vertreten, der man auch persönlich mehr Sympathie entgegenbringt, stärker gewichtet als in den späteren Jahren. Das führte dazu, dass auch Debatten möglich waren, bei denen Pro und Contra nicht im Verhältnis zwei zu zwei aufgeteilt waren, sondern auch Konstellationen wie drei zu eins vorkamen. Für die Qualifikationsrunden gab es ausgeklügelte Systeme, die sicherstellen sollten, dass jede und jeder zumindest einmal die „Wunschposition“ übernehmen durfte.
Debatte Als Denkform
Die Frage, ob und in welchem Umfang die in einer Debatte übernommene Position die eigene Meinung der Debattantin oder des Debattanten zum Ausdruck bringt, ist bis heute für viele Zuschauer von Interesse. Ist es legitim, überzeugend für eine Position zu argumentieren, die man außerhalb dieser Debatte nicht teilen würde? Haben diejenigen in einer Debatte einen Vorteil, die ihre eigene Meinung zum Ausdruck bringen dürfen? Fragen dieser Art wurden in Seminaren, Trainings und bei Wettbewerbsveranstaltungen engagiert diskutiert.
Schülerinnen und Schüler berichteten, dass es ihnen häufig leichter falle, sich auf Themen vorzubereiten, wenn sie sich daran orientierten, was man für oder gegen einen Vorschlag ins Feld führen könne, wenn man ihn vertreten würde. Das Debattieren schult damit die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und vermeintlich sichere Festlegungen zu überprüfen und zu revidieren. Das Schülerheft hatte als Motto die Formulierung von Francis Picabia: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“
Die Regeln des Wettbewerbs wurden daraufhin präzisiert und legen seitdem fest, dass Pro und Contra immer von jeweils zwei Personen vertreten und Positionen per Los zugeordnet werden. Ihre Aufgabe besteht darin, die übernommene Position so stark wie möglich zu machen. Die Debattantinnen und Debattanten zeigen damit allen, die ihrem Gespräch aufmerksam folgen, zwischen welchen Möglichkeiten man sich entscheiden muss und welche Gründe für die eine oder die andere Seite sprechen. Eine gute Debatte trägt dazu bei, ein Thema besser zu verstehen, und jede Debattantin und jeder Debattant trägt zu dieser Gemeinschaftsleistung bei.
»Die Debatte ist ein Modell dafür, wie wir miteinander umgehen können, wenn unterschiedliche Ansichten und Interessen aufeinandertreffen.«
Tim Wagner
Jugend debattiert international und weltweit
Jugend debattiert entwickelte sich schnell zu einem der größten Bildungsprojekte in Deutschland. Die im ersten Jahr des Bundeswettbewerbs gebildeten Verbünde nahmen neue Schulen auf, und neue Verbünde gründeten sich. Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Koordinatoren und Ansprechpartner auf allen Ebenen trugen gemeinsam dazu bei, dass Jugend debattiert zu einem festen Bestandteil der Lehrpläne und des Schullebens wurde.
Als im Jahr 2004 im Rahmen der EU-Osterweiterung mehrere Länder der Europäischen Union beitraten, in denen die deutsche Sprache auf hohem Niveau unterrichtet wird, regten die Verantwortlichen der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen an, Jugend debattiert auch in Mittel- und Osteuropa durchzuführen. Zunächst in Tschechien, Polen und dem Baltikum, später in fast ganz Mittel-, Ost- und Südosteuropa wurden Lehrerinnen und Lehrer qualifiziert sowie Landeswettbewerbe und internationale Finalveranstaltungen durchgeführt. Hier trafen und treffen bis heute Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler aufeinander und diskutieren in deutscher Sprache über aktuelle Themen, die von der Unterrichtspraxis in den Schulen bis zu gemeinsamen europäischen und globalen Herausforderungen reichen.
Parallel zur Erweiterung des Programms in Europa begannen auch entferntere Weltregionen, sich für Jugend debattiert zu interessieren. In Südamerika, China und weiteren ostasiatischen Ländern, in West-, Süd- und Nordeuropa, den USA und Australien wird nach den Regeln von Jugend debattiert in deutscher Sprache debattiert.
Lehrer-Trainerinnen und -Trainer, Alumni und Alumnae
In den ersten Jahren entstanden viele Ideen zu Jugend debattiert in Frankfurt am Main. Dort hat die Gemeinnützige Hertie-Stiftung ihren Sitz, bei der die organisatorischen und institutionellen Fäden zusammenlaufen. Dort traf sich das Team der freien Trainerinnen und Trainer, die gemeinsam überlegten, wie die nächste Seminarserie gestaltet werden kann. Für die Entwicklung und Umsetzung von Unterricht und Wettbewerb stand der Name „Frankfurt“ gleichsam als Synonym, für den Abschluss des Schuljahres „Berlin“, der Ort des Bundesfinales.
Ab dem Jahr 2006 wurden die Gewichte etwas anders verteilt. Die Aufgabe, Lehrkräfte in Fortbildungen zu schulen, übernahmen nun besonders erfahrene Lehrerinnen und Lehrer, die zu Lehrer-Trainerinnen und -Trainern qualifiziert wurden. Ehemalige Teilnehmende, die in einem Alumni-Verein organisiert sind, waren bereit, eine neue Aufgabe zu übernehmen: Seit 2016 führen sie die Sieger-Seminare für Schülerinnen und Schüler durch.
Gemeinsamer methodisch-didaktischer Bezugspunkt für den Unterricht und das Training ist das offizielle Lehrwerk „Debattieren unterrichten I“, das im Jahr 2010 erschien und heute in 9. Auflage vorliegt. 2022 kam mit „Debattieren unterrichten II“ ein zweiter Band hinzu, der weitere Themen und Anwendungsbereiche abdeckt. 2026 ist das Lehrwerk „Debattieren als Methode der Demokratieerziehung“ erschienen.