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25 Jahre
Jugend
debattiert.
Ein Rückblick.

von Tim Wagner

Rhetorik in die Schule!

„Wer gut reden kann, kann gemeinsam mit anderen viel bewegen.“ Mit diesem Satz stellte sich im Jahr 2001 ein Projekt vor, das später unter dem Namen „Jugend debattiert“ zu einem der großen Programme der sprachlichen, persönlichen und politischen Bildung wurde.

Der ursprüngliche Titel „Rhetorik in die Schule! Jugend debattiert: Training und Wettbewerb“ versprach, eine Disziplin wieder in der Schule zu verankern, die in früheren Epochen im Zentrum des Bildungskanons gestanden hatte und später in den Verdacht geriet, Techniken für unlautere Zwecke wie Manipulation und Propaganda bereitzustellen.

Bereits bei der Auftaktveranstaltung, zu der interessierte Lehrkräfte, Jugendliche, Bildungsforscherinnen und -verantwortliche ins Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main geladen waren, konnten sich die Gäste selbst ein Bild davon machen, welches Verständnis von Rhetorik und Debatte dem Projekt zugrundeliegt. Ein großer Teil der Veranstaltung war kurzen Workshops gewidmet, die als „Schnuppertrainings“ die Gelegenheit boten, gedankliche Klarheit, sprachliche Präzision und genaues Zuhören einzuüben.

Gemeinsam mit anderen

Nicht die einzelne Rednerin oder der einzelne Redner, sondern das Zusammenspiel aller Beteiligten, die sich gemeinsam mit einem kontroversen Thema auseinandersetzen, steht bei Jugend debattiert im Fokus. Eine Debatte, die ohne Gesprächsleitung oder Moderation geführt wird, verlangt von beiden Seiten ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Flexibilität. In den Seminaren für Schülerinnen und Schüler sowie den Fortbildungen für Lehrkräfte und Multiplikatoren zeigte sich schnell, dass die Fähigkeiten, die man für ein konzentriertes und an der Sache orientiertes Gespräch braucht, sich trainieren lassen und das Miteinander über den konkreten Übungskontext hinaus prägen.

Als Bundespräsident Johannes Rau im Jahr 2001 anregte, Jugend debattiert auf ganz Deutschland auszuweiten, war ihm besonders wichtig, dass sich alle Schularten beteiligen. Schülerinnen und Schüler aus allen Teilen der Gesellschaft sollten im Unterricht lernen, sich mit politischen Fragen strukturiert auseinanderzusetzen und die Berechtigung unterschiedlicher Positionen und Argumente anzuerkennen. Fairness und Respekt sind Voraussetzungen einer guten Debatte. Diese Haltungen werden beim Debattieren weiter gefördert, wenn man erkennt, dass Einwände und kritische Fragen der Gegenseite dazu beitragen, ein Thema besser zu verstehen und fundierter entscheiden zu können.

Ein bundesweiter Wettbewerb

Mit der Entscheidung, Jugend debattiert als bundesweiten Wettbewerb nach einheitlichen Standards durchzuführen, war auch die Aufgabe verbunden, Schulen in allen 16 Bundesländern für ein gemeinsames Curriculum zu gewinnen. Im ersten Jahr des Bundeswettbewerbs stand der Zielpunkt für alle Beteiligten fest: Am Ende des Schuljahrs 2002/03 sollten die besten Debattantinnen und Debattanten des Landes im Schloss Bellevue zu einem Bundesfinale aufeinandertreffen. Der Wettbewerb fand auf mehreren Ebenen statt. Daraus ergaben sich die Zeiträume, in denen Lehrkräfte qualifiziert, das Debattieren im Unterricht vermittelt und die Siegerinnen und Sieger auf die nächste Ebene vorbereitet wurden.

Die Basis-Seminare für Lehrerinnen und Lehrer folgten dem bereits in der Pilotphase gewählten Ansatz, Übungen und Formate selbst auszuprobieren und das Debattieren damit aus der Innenperspektive kennenzulernen. Dabei wurde erfahrbar, dass die Qualität einer Debatte stark davon bestimmt wird, wie weit die Beteiligten sich um eine gemeinsame Sachklärung bemühen. Zwar spielt es auch eine Rolle, ob man in der Lage ist, seine Position klar zu formulieren und entschieden zu vertreten. Eine Debatte bei Jugend debattiert ist jedoch kein Schlagabtausch, bei dem die andere Seite angegriffen oder bewusst missverstanden wird. Im Gegenteil: Das entscheidende Kriterium im Wettbewerb beschreibt die Fähigkeit, in einem Gespräch auf andere einzugehen und sich mit ihren Beiträgen ernsthaft auseinanderzusetzen.

Vom Klassenwettbewerb über Schul- und Verbundwettbewerb bis hin zu Landes- und Bundeswettbewerb wird auf allen Stufen nach denselben Regeln debattiert und werden Debatten nach denselben Kriterien beurteilt. Sie verlangen von den Schülerinnen und Schülern die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich auf ein Thema gründlich  vorzubereiten, ihre Ideen klar und verständlich zu formulieren, einander zuzuhören, den Überblick zu bewahren und überzeugend für eine Position einzutreten. In der Anfangszeit des Bundeswettbewerbs wurde die Möglichkeit, eine Position in der Debatte zu vertreten, der man auch persönlich mehr Sympathie entgegenbringt, stärker gewichtet als in den späteren Jahren. Das führte dazu, dass auch Debatten möglich waren, bei denen Pro und Contra nicht im Verhältnis zwei zu zwei aufgeteilt waren, sondern auch Konstellationen wie drei zu eins vorkamen. Für die Qualifikationsrunden gab es ausgeklügelte Systeme, die sicherstellen sollten, dass jede und jeder zumindest einmal die „Wunschposition“ übernehmen durfte.

Debatte Als Denkform

Die Frage, ob und in welchem Umfang die in einer Debatte übernommene Position die eigene Meinung der Debattantin oder des Debattanten zum Ausdruck bringt, ist bis heute für viele Zuschauer von Interesse. Ist es legitim, überzeugend für eine Position zu argumentieren, die man außerhalb dieser Debatte nicht teilen würde? Haben diejenigen in einer Debatte einen Vorteil, die ihre eigene Meinung zum Ausdruck bringen dürfen? Fragen dieser Art wurden in Seminaren, Trainings und bei Wettbewerbsveranstaltungen engagiert diskutiert. 

Schülerinnen und Schüler berichteten, dass es ihnen häufig leichter falle, sich auf Themen vorzubereiten, wenn sie sich daran orientierten, was man für oder gegen einen Vorschlag ins Feld führen könne, wenn man ihn vertreten würde. Das Debattieren schult damit die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und vermeintlich sichere Festlegungen zu überprüfen und zu revidieren. Das Schülerheft hatte als Motto die Formulierung von Francis Picabia: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ 

Die Regeln des Wettbewerbs wurden daraufhin präzisiert und legen seitdem fest, dass Pro und Contra immer von jeweils zwei Personen vertreten und Positionen per Los zugeordnet werden. Ihre Aufgabe besteht darin, die übernommene Position so stark wie möglich zu machen. Die Debattantinnen und Debattanten zeigen damit allen, die ihrem Gespräch aufmerksam folgen, zwischen welchen Möglichkeiten man sich entscheiden muss und welche Gründe für die eine oder die andere Seite sprechen. Eine gute Debatte trägt dazu bei, ein Thema besser zu verstehen, und jede Debattantin und jeder Debattant trägt zu dieser Gemeinschaftsleistung bei.

 

»Die Debatte ist ein Modell dafür, wie wir miteinander umgehen können, wenn unterschiedliche Ansichten und Interessen aufeinandertreffen.«

Tim Wagner

 

Jugend debattiert international und weltweit

Jugend debattiert entwickelte sich schnell zu einem der größten Bildungsprojekte in Deutschland. Die im ersten Jahr des Bundeswettbewerbs gebildeten Verbünde nahmen neue Schulen auf, und neue Verbünde gründeten sich. Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Koordinatoren und Ansprechpartner auf allen Ebenen trugen gemeinsam dazu bei, dass Jugend debattiert zu einem festen Bestandteil der Lehrpläne und des Schullebens wurde.

Als im Jahr 2004 im Rahmen der EU-Osterweiterung mehrere Länder der Europäischen Union beitraten, in denen die deutsche Sprache auf hohem Niveau unterrichtet wird, regten die Verantwortlichen der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen an, Jugend debattiert auch in Mittel- und Osteuropa durchzuführen. Zunächst in Tschechien, Polen und dem Baltikum, später in fast ganz Mittel-, Ost- und Südosteuropa wurden Lehrerinnen und Lehrer qualifiziert sowie Landeswettbewerbe und internationale Finalveranstaltungen durchgeführt. Hier trafen und treffen bis heute Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler aufeinander und diskutieren in deutscher Sprache über aktuelle Themen, die von der Unterrichtspraxis in den Schulen bis zu gemeinsamen europäischen und globalen Herausforderungen reichen.

Parallel zur Erweiterung des Programms in Europa begannen auch entferntere Weltregionen, sich für Jugend debattiert zu interessieren. In Südamerika, China und weiteren ostasiatischen Ländern, in West-, Süd- und Nordeuropa, den USA und Australien wird nach den Regeln von Jugend debattiert in deutscher Sprache debattiert.

Lehrer-Trainerinnen und -Trainer, Alumni und Alumnae

In den ersten Jahren entstanden viele Ideen zu Jugend debattiert in Frankfurt am Main. Dort hat die Gemeinnützige Hertie-Stiftung ihren Sitz, bei der die organisatorischen und institutionellen Fäden zusammenlaufen. Dort traf sich das Team der freien Trainerinnen und Trainer, die gemeinsam überlegten, wie die nächste Seminarserie gestaltet werden kann. Für die Entwicklung und Umsetzung von Unterricht und Wettbewerb stand der Name „Frankfurt“ gleichsam als Synonym, für den Abschluss des Schuljahres „Berlin“, der Ort des Bundesfinales.

Ab dem Jahr 2006 wurden die Gewichte etwas anders verteilt. Die Aufgabe, Lehrkräfte in Fortbildungen zu schulen, übernahmen nun besonders erfahrene Lehrerinnen und Lehrer, die zu Lehrer-Trainerinnen und -Trainern qualifiziert wurden. Ehemalige Teilnehmende, die in einem Alumni-Verein organisiert sind, waren bereit, eine neue Aufgabe zu übernehmen: Seit 2016 führen sie die Sieger-Seminare für Schülerinnen und Schüler durch. 

Gemeinsamer methodisch-didaktischer Bezugspunkt für den Unterricht und das Training ist das offizielle Lehrwerk „Debattieren unterrichten I“, das im Jahr 2010 erschien und heute in 9. Auflage vorliegt. 2022 kam mit „Debattieren unterrichten II“ ein zweiter Band hinzu, der weitere Themen und Anwendungsbereiche abdeckt. 2026 ist das Lehrwerk „Debattieren als Methode der Demokratieerziehung“ erschienen.

Jugend debattiert in Sprachlerngruppen

Die Erfahrungen aus dem Auslandsschulwesen und aus Schulen, in denen Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wird, zeigen deutlich, dass das Debattieren für die Vermittlung von sprachlichen Fähigkeiten günstige Voraussetzungen bietet. Durch den genau geregelten Ablauf der Debatte ergeben sich wiederholbare Anforderungen, die mit Strukturempfehlungen und passenden Redemitteln geübt werden können. Zugleich können die sprachlichen Kompetenzen und das Wortfeld erweitert werden, indem man geeignete Themen auswählt. Diese Möglichkeiten wurden bei Jugend debattiert ab dem Jahr 2012 systematisch auch für den Bereich des Unterrichts im Fach Deutsch als Zweitsprache in Deutschland ausgearbeitet: Debattieren als Mittel der Sprachförderung.

Als ab den Jahren 2015 und 2016 eine große Zahl von Schutzsuchenden nach Europa kam, stand das Schulwesen vor der Herausforderung, junge Menschen mit Fluchterfahrung aufzunehmen und ihnen insbesondere sprachliche Fähigkeiten zu vermitteln. Mehrere Bundesländer nutzten das methodische Repertoire von Jugend debattiert, um einen eigenen Wettbewerb für Schülerinnen und Schüler aus Sprachlerngruppen aufzubauen. Bei den Finalveranstaltungen nahmen junge Menschen erfolgreich teil, die erst seit wenigen Monaten Deutsch gelernt hatten.

Brüche und Herausforderungen

Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler, die bei Jugend debattiert aufeinandertreffen, sind immer an den Erfahrungen, Plänen und Einschätzungen der anderen interessiert. Wie läuft das bei euch? Wie seht ihr das? Was wollt ihr wissen? Diese Fragen beschäftigen Schülerinnen und Schüler auf einem Regionalsiegerseminar genauso wie Lehrkräfte bei einer internationalen Multiplikatorenschulung oder Teilnehmende einer „Weltdebatte“, die auf verschiedenen Kontinenten zuhause sind. Vielleicht sind es die beim Debattieren erworbenen Fähigkeiten, vielleicht auch die besondere Situation, mit Gleichgesinnten an einem Ort zu sein, die eine Haltung der Offenheit und des Respekts fördern. In den Jahren des Aufbaus entstand unter den beteiligten Lehrkräften, Organisatoren und Schülerinnen und Schülern eine Gemeinschaft, die wie ein Modell eines pluralistischen, am Nachbarn interessierten Zusammenlebens in Europa wirkte.

Nicht alle Spannungen lassen sich auflösen. Nach der Annexion der Krim konnten in der Ukraine Themen, die das Verhältnis zu Russland betrafen, nicht mehr ohne gründliche Einordnung und Vorbereitung besprochen werden. Im Jahr 2016 regte der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier dennoch an, ukrainische und russische Jugendliche zu einem gemeinsamen Seminar nach Deutschland einzuladen. Sie sollten Gelegenheit erhalten, in einem geschützten Rahmen über kontroverse Themen zu debattieren. Nach anfänglicher Vorsicht und Zurückhaltung begannen die Teilnehmenden, sich über Gemeinsamkeiten und Besonderheiten auszutauschen und sich abends auch Lieder in ukrainischer und russischer Sprache beizubringen. Die abschließende Debatte, die in gemischten Teams im Auswärtigen Amt geführt wurde, war von größter Konzentration und Sorgfalt geprägt.

Bereits 2021 war Jugend debattiert in Belarus de facto verboten worden, weil Lukaschenkos Regierung gegen auswärtige Kulturarbeit vorging. Seit der Ausweitung des russischen Angriffskriegs im Jahr 2022 kann auch Russland nicht mehr an Jugend debattiert teilnehmen. In der Ukraine wird Jugend debattiert bis heute unter teils extrem schwierigen Bedingungen weiter durchgeführt.

Debattieren auf Distanz

Die Covid-19-Pandemie führte ab April 2020 dazu, dass ein bislang auf persönliche Begegnung und direkten Austausch ausgelegtes Format sich den Bedingungen des Distanzunterrichts anpassen musste. Virtuelle und hybride Formate für Unterricht und Wettbewerb traten an die Stelle von Debatten im Klassenraum und Präsenzveranstaltungen. Dieser Bruch eröffnete zugleich neue Möglichkeiten. Eine Debatte, bei der Teilnehmende aus Süd- und Nordamerika, Osteuropa und China aufeinandertrafen, wäre früher nur sehr schwer möglich gewesen. Im digitalen Raum bestand die größte Herausforderung darin, die bis zu zwölf Stunden Zeitdifferenz zu überbrücken.

Digitale Formate und neue Technologien erweitern seitdem das Repertoire von Jugend debattiert. Schon das für die Pandemiesituation entwickelte „Distanz-Curriculum“ enthielt Vorschläge zur Integration von mobilen Endgeräten und Medien in die Praxis des Debattierens. Inzwischen können Unterrichtsideen und interaktive Formate mithilfe einer digitalen Lernplattform umgesetzt werden. Ein mit Künstlicher Intelligenz arbeitender Debattier-Bot ist im Entstehen.

Debatte als Modell

In den letzten 25 Jahren hat sich Jugend debattiert unentwegt weiterentwickelt. Von einem Pilotprojekt, das die Disziplin der Rhetorik wieder in die Schule bringen wollte, ist es zu einem vielschichtigen Programm geworden, das dauerhaft aus Bundesmitteln gefördert und in Kooperation mit den Parlamenten der Länder unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten weitergeführt wird. Im Kern steht nach wie vor eine Gesprächsform, die auf gedankliche Klarheit und argumentative Gründlichkeit setzt.

Die Debatte ist ein Modell dafür, wie wir miteinander umgehen können, wenn unterschiedliche Ansichten und Interessen aufeinandertreffen. In einer Zeit, in der öffentliche Auseinandersetzungen an Schärfe gewinnen und die Orientierung an Argumenten zurücktritt, zeigt Jugend debattiert, dass ein faires Gespräch, in dem die Beteiligten Gründe ernst nehmen und aufeinander eingehen, gelernt und eingeübt werden kann. Ob und in welchem Umfang sich diese Form des Gesprächs unter veränderten Bedingungen behaupten kann, ist offen. Doch die Ideen, auf denen Jugend debattiert ruht, haben sich in den vergangenen 25 Jahren als sehr tragfähig erwiesen, auch unter Belastung. Das stimmt zuversichtlich.

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