Herr Dr. Bock, seit nunmehr 25 Jahren ist Jugend debattiert auf Erfolgskurs. Woran liegt es, dass sich so viele Menschen – vor allem natürlich die Jugendlichen – für diese Initiative begeistern? Was ist das Erfolgsrezept?
Ja, der Erfolg ist wirklich enorm. Wir erreichen mittlerweile jedes Jahr über 200.000 Teenagerinnen und Teenager. Fast 12.000 eigens durch uns und die Länder speziell fortgebildete Lehrkräfte sind da involviert, an rund 1.600 Schulen. Mit der inhaltlichen Ausrichtung des Programms treffen wir also offensichtlich einen Nerv. Dabei ist der Wettbewerbsaspekt sicherlich ein starkes Element. Wir messen uns ja auch in Spiel und Sport gerne miteinander. Vor allem aber ist hier im Lauf der Zeit eine sehr wirkungsvolle Methodik entwickelt und immer weiter verbessert worden. Hinzu kommt ein großes, extrem gut durchdachtes Curriculum, also ein Lehrplan mit etlichen Büchern und Arbeitsheften sowie vielen Übungen, Instrumenten und Materialien. Und dieses Curriculum ist eben nicht starr, sondern kann den unterschiedlichen Schulformen, Unterrichtssituationen und sonstigen Gegebenheiten angepasst werden. Damit sind auch die Hürden für eine Teilnahme relativ niedrig; Jugend debattiert ist ein schlüsselfertiges Angebot. Das alles sind sicherlich Erfolgsfaktoren, um an Schulen etabliert zu werden .
Apropos Wettbewerb: Was macht denn eine gute Debattantin, einen guten Debattanten aus?
Da lehnen wir uns an das klassische Rhetorik-Modell von Aristoteles an: Logos, Ethos und Pathos – das Wissen, die Haltung und das Emotionale. Im Hinblick auf die Debatte haben wir dafür vier Dimensionen und beurteilen also nach den folgenden Kriterien: Sachkenntnis – wie gut weiß die Person Bescheid? Ausdrucksvermögen – wie gut kann sie das, was ihr wichtig ist, verständlich machen? Gesprächsfähigkeit – wie gut geht die Person auf die Gegenseite ein? Überzeugungskraft – wie gut gelingt es ihr, die Zuhörenden zu packen und die eigene Darstellung als überzeugender zu präsentieren?
Und dann muss die Kandidatin oder der Kandidat am Ende natürlich auch ihren oder seinen Standpunkt durchsetzen, oder?
Nein, das ist für unsere Idee einer guten Debatte gar nicht ausschlaggebend – wir lassen das weitgehend außen vor. Die Teilnehmenden müssen immer darauf vorbereitet sein, Pro und Contra zu vertreten; in der Vorbereitung lesen sie sich in das Thema ein und studieren Argumente für beide Seiten. Erst kurz vor der Debatte werden die Positionen zugelost. Die Qualität einer Debatte bemisst sich für uns darin, dass es einen Erkenntnisgewinn, also auch eine gute Entscheidungsgrundlage für das zuhörende Publikum gibt. In der Demokratie geht es auch oft nicht um Entweder-oderEntscheidungen, sondern darum, einen für möglichst viele Menschen akzeptablen Kompromiss zu finden. Eine gute Debatte bringt deswegen vor allem neue Erkenntnisse – gerade auch darüber, warum die andere Seite womöglich so denkt, wie sie denkt, was ihre Argumente, Erfahrungen, Analysen hinter dem Standpunkt sind. Dafür braucht es eine Haltung des gegenseitigen Verstehenwollens. Diese Haltung üben wir bei Jugend debattiert ein.
»Die allgemeine Verbreitung einer vernunftbasierten Debattenkultur könnte nun ein nächster Schritt sein in Richtung eines humanistischen Miteinanders.«
Dr. Jan-Jonathan Bock, Leiter Jugend debattiert
Nun findet das Debattieren hier ja unter idealisierten Bedingungen statt. Schaut man sich dagegen an, wie wir zentrale gesellschaftliche Themen für gewöhnlich verhandeln – vom Bundestag über TV-Talkshows bis hin zu Internetforen –, so herrscht da oft ein einziges Hauen und Stechen. Schwarze Rhetorik, Desinformation und populistische Verzerrung der Fakten inklusive. Bleibt Jugend debattiert da nicht doch nur eine Schönwetterveranstaltung im Elfenbeinturm?
Natürlich haben wir längst nicht überall und jederzeit die Debattenkultur, die für unsere Demokratie ideal und wünschenswert wäre. Wir sind eben doch Menschen. Der Fortschritt des Humanismus ist ja ganz allgemein ein zivilisatorischer Prozess, den wir aktiv gestalten müssen. Unser Gehirn hat sich in den vergangenen 10.000 Jahren nicht wesentlich verändert und wir sind heute nicht etwa intelligenter als zum Beispiel die Menschen im Mittelalter, die vermeintliche Hexen verbrannten. Die allgemeine Verbreitung einer vernunftbasierten Debattenkultur kann ein nächster Schritt sein in Richtung eines humanistischeren Miteinanders; gleichzeitig spielen auch Emotionen und Erfahrungen eine wichtige Rolle in der Gesprächskultur, das müssen wir berücksichtigen.
Das Beste, was wir für ein gutes gesellschaftliches Gespräch tun können, ist es, möglichst viele junge Botschafterinnen und Botschafter dieser konstruktiven Konfliktkultur auszubilden, damit sie diese Haltung in ihre jeweilige Lebenswelt hineintragen und sich für die Demokratie starkmachen. Wir haben dafür zum Beispiel eine Akademie für Debattenkultur gegründet, in der die Jugendlichen eigene Initiativen für den besseren Austausch in der Gesellschaft entwickeln können. Und wir treten mit unserem Programm über den Schulkontext hinaus – zum Beispiel mit Schaudebatten bei großen Veranstaltungen. In einem ersten Pilotprojekt wollen wir nun außerdem in Jugendarrestanstalten aktiv werden. Es gibt also noch viel zu tun, aber ich sehe uns auf einem sehr guten Weg.
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