Wie gehen Sie bei so einer Evaluation eigentlich genau vor?
Ich verfolge einen Ansatz, der nicht nur auf dem reinen Erfassen und Analysieren abstrakter Zahlen und Daten basiert. Das tue ich zwar auch, vor allem aber komme ich über „qualitative“ Interviews, also ausführlichere, gezielte Gespräche mit den Beteiligten zu Ergebnissen, wie auch durch eigenes Beobachten. Den Ansatz nennt man deshalb auch „phänomenologisch“. Ich gehe immer so vor, dass ich zuerst höre, wie die Bedürfnislage bei den Beteiligten ist. Aus diesen ersten Erkenntnissen erarbeite ich gemeinsam mit der Projektleitung einen Fragenkatalog für die quantitativen Befragungen. Wenn diese dann ausgewertet sind, führe ich auf dieser Basis vertiefende Interviews – mit Lehrkräften, Teilnehmenden, aber auch mit Außenstehenden.
Welche Erkenntnisse konnten Sie auf diese Weise zutage fördern? Gab oder gibt es da auffällige Tendenzen?
Ja, durchaus. Eine erfreuliche Tendenz ist zum Beispiel, dass das Thema Geschlechterdifferenz immer mehr in den Hintergrund rückt. In den Anfangsjahren wurde von Lehrkräften und Beobachtern des Programms immer wieder der Verdacht einer systematischen Benachteiligung von Mädchen ins Spiel gebracht. Doch mittlerweile haben junge Frauen eine immer selbstbewusstere Rolle beim Debattieren eingenommen. Das Eintreten für eine politische Position verträgt sich heute offenbar sehr viel besser mit deren Selbstverständnis. Das finde ich sehr erfreulich. Ebenfalls sehr positiv war für mich die Erkenntnis, dass das doch relativ anspruchsvolle Konzept mit den richtigen Instrumenten auch an nichtgymnasialen Schulen sehr gut funktionieren kann.
Was hat sich an Jugend debattiert über die vergangenen 20 Jahre am stärksten verändert?
Die zentralste Veränderung war sicherlich die hin zu einem politischen Projekt. Lag der Fokus am Anfang eher auf der Förderung von Sprachkultur und Rhetorik als Schlüsselqualifikation für die Kommunikationsgesellschaft, so ist das Programm mittlerweile in eine viel größere Rolle hineingewachsen. Das Erstarken des Populismus hat die Ausgangslage für Jugend debattiert verändert. Häufig sehen außenstehende Beobachter erst jetzt, wie wichtig und zeitgemäß Jugend debattiert mit seinem differenzierten Verständnis von Streitkultur ist.
Was ist für Sie persönlich der wichtigste Aspekt an Jugend debattiert?
Das ist für mich vor allem der Ansatz, Debatte konsequent als Erkenntnisverfahren zu verstehen, das allen Beteiligten nützen soll. Es geht also nicht primär um das Durchsetzen des eigenen Standpunkts, wie man das landauf und landab von Rhetorikangeboten kennt. Wenn mir mein Gegner in der Debatte schnell zustimmt, dann kann ich mich vielleicht freuen und früher nach Hause gehen. Aber dann war das keine gute Debatte und der Erkenntnisgewinn höchstens gering. Wenn hingegen beide Positionen mit guten Argumenten aufeinander eingehen, dann können alle, die debattieren oder auch nur zuhören, den Sachverhalt besser begreifen und zu echter Erkenntnis gelangen. Das finde ich den stärksten Grundgedanken von Jugend debattiert, weil er auch im alltäglichen Umgang mit extremistischen Positionen eine Rolle spielt. Es bringt nichts, Meinungen einfach nur auszuhalten, wie oft so gerne gesagt wird. Man muss sich offen hineinbegeben in einen diskursiven Prozess und auf die Kraft der Argumente bauen. Mit falsch verstandener Toleranz ist nämlich niemandem geholfen.
Zurück Zur Jubiläumsseite