Jugend debattiert

Aktuelles

Debattenkultur stärken

  Aus dem Jd-Büro

Wie steht es um die Debattenkultur in Deutschland und wie sollten etablierte Parteien mit populistischen Strömungen umgehen? Ansgar Kemmann, Leiter „Jugend debattiert“ bei der Hertie-Stiftung, hat sich kürzlich in einem Interview dazu geäußert.

Der Populismus erlebt in Deutschland derzeit einen Aufschwung: Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt erreichte die AfD jeweils zweistellige Ergebnisse – in Sachsen-Anhalt gab ihr sogar fast jeder Vierte seine Stimme und machte sie damit zur zweitstärksten Partei.

Bei den übrigen Parteien lässt sich eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit populistischen Strömungen feststellen: Im Vorfeld der Wahlen weigerten sich einzelne Spitzenkandidaten der bereits in den Landtagen vertretenen Parteien, an einer TV-Debatte mit Beteiligung der AfD teilzunehmen. Andere politische Vertreter verwiesen auf die Wichtigkeit, die AfD gerade bei einer öffentlichen Debatte argumentativ zu „stellen“. 

Verunsicherung führt zu emotional gesteuerter Wahrnehmung
„Die Schärfe in der öffentlichen Auseinandersetzung in Deutschland hat zugenommen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Verunsicherung im Land gestiegen ist, ja sogar Angst um sich greift“, sagt Kemmann. Deutlich ablesbar ist dies seiner Meinung nach daran, wie schnell Falschinformationen „die Runde machen“ – beispielsweise wie im Fall des angeblichen Toten vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales oder bei dem Gerücht von der Entführung und Vergewaltigung  einer 13-jährigen Russlanddeutschen, das sogar zu diplomatischen Verwicklungen mit Russland führte. „Man ist aufgrund der allgemeinen Verunsicherung und Besorgnis bereit, Dinge zu glauben, weil man sie für möglich hält – ohne sie nochmals zu prüfen“, erklärt Kemmann.

Ausgrenzung macht populistische Positionen nur noch interessanter
Bei den etablierten Parteien gibt es die nach Ansicht von Ansgar Kemmann durchaus begründete Sorge, in einer öffentlichen Debatte mit Vertretern populistischer Strömungen womöglich „alt auszusehen“. Dies hänge vor allem damit zusammen, dass viele Dinge nun mal kompliziert seien und man eine differenzierte Sicht auf diese brauche. „Doch wenn sich Menschen bereits in einem Erregungszustand befinden, wollen sie keine Differenzierung, sondern Eindeutigkeit“, so Kemmann. 

Wer andere Meinungen jedoch ausgrenze, mache die Position unter Umständen noch interessanter. Das gelte vor allem für die AfD – denn nicht alle AfD-Anhänger verträten bewusst extremistische Meinungen außerhalb der Verfassung. Eine Ausgrenzung könnte vielmehr den Verdacht nähren, dass man in Wahrheit keine Antworten auf berechtigte Fragen habe.

Von der emotionalen Debatte zur sachlichen Argumentation – es beginnt beim Tonfall
Das richtige Mittel für die Entlarvung von Populismus ist und bleibt nach Meinung von Ansgar Kemmann die sachliche Debatte. Es fange jedoch schon beim Tonfall an – wer belehrend agiere, rufe schnell heftige Reaktionen hervor. Besser sei es, Meinungsunterschiede festzustellen und diese kontrovers auszutragen. Und zu fragen: Was heißt das genau? Was spricht dafür, was dagegen? „Die sorgfältige Prüfung der anderen Ansicht ist die Essenz kritischer Auseinandersetzung“, sagt Ansgar Kemmann. Polemik mit Polemik zu begegnen vermag vielleicht Beifall im eigenen Lager erzeugen, darüber hinaus sei aber nichts zu gewinnen. 

Der Diskurs muss aus Sicht von Ansgar Kemmann weiter geführt werden. Man könne dies jedoch nicht allein den Politikern überlassen – im Grunde sei jeder Bürger gefordert: „Jeder kann in seinem Umfeld dazu beitragen, dass fair und sachlich debattiert wird.“

Opens external link in new windowAusführlicher äußerte sich Ansgar Kemmann in den Stuttgarter Nachrichten.

© Gemeinnützige Hertie-Stiftung