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Debattenkultur in Ost und West
35 Jahre nach der Wiedervereinigung haben sich Ost- und Westdeutschland in vielen Bereichen angenähert, auch wirtschaftlich. Unterschiede gibt es nach wie vor im Hinblick auf das Vertrauen in Institutionen und Medien. Was bedeutet das für die Debattenkultur in Ost und West? Ein Interview mit Kai Unzicker, Senior Project Manager Demokratie und Zusammenhalt bei der Bertelsmann-Stiftung.
Weshalb vertrauen Menschen im Osten laut Studien Institutionen und Medien weniger als Menschen im Westen?
„Die Unterschiede haben weniger mit Mentalitäten zu tun als mit konkreten Erfahrungen. Vertrauen entsteht dort, wo Menschen erleben, dass Institutionen fair agieren, wirksam sind und die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen. Genau daran hat es für viele Ostdeutsche über lange Zeit gefehlt, vor der Wende, aber auch danach. Ein zentraler Faktor sind die Transformationserfahrungen nach 1990. Der wirtschaftliche Umbruch, Arbeitsplatzverluste, der Austausch von Eliten und die Abwertung vieler Lebensleistungen haben bei vielen das Gefühl hinterlassen: Über uns wird entschieden, aber nicht mit uns. Das wirkt bis heute nach. Hinzu kommt das Thema Anerkennung. Ostdeutsche Perspektiven sind in bundesweiten Debatten, Medien und Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert. Wenn die eigene Lebensrealität kaum vorkommt oder verzerrt dargestellt wird, sinkt das Vertrauen.
Wichtig ist aber: Das ist kein rein ostdeutsches Phänomen. Auch strukturschwache Regionen im Westen zeigen ähnliche Muster. Vertrauen hängt stark am Gerechtigkeitsempfinden und an der Frage, ob staatliche Institutionen im Alltag funktionieren. Beim Medienvertrauen gilt Ähnliches: Im Osten sind negative Erfahrungen mit den DDR-Medien tradiert worden und heute domminieren immer noch eher westdeutsche Medien. Skepsis entsteht dort, wo Menschen das Gefühl haben, mit ihren Erfahrungen nicht stattzufinden und eher belehrt statt informiert zu werden.“
Wie wirkt sich das auf die Debattenkultur aus? Debattieren Menschen in Ost und West anders?
„Hier sollte man vorsichtig sein. Menschen in Ost und West unterscheiden sich nicht in ihren Debattenkompetenzen, sondern in ihrem Verhältnis zur öffentlichen Debatte. Studien zeigen: Im persönlichen Umfeld verlaufen Diskussionen fast überall respektvoll. Als rau und aggressiv oder belehrend und abgehoben wird vor allem die öffentliche, die mediale Debatte wahrgenommen. Und genau zu dieser öffentlichen Arena ist die Distanz im Osten oft größer.
Viele erleben nationale Debatten als moralisch aufgeladen oder realitätsfern. Das führt nicht automatisch zu mehr Streit, sondern entweder zu Rückzug und zunehmender Skepsis oder bewusster Provokation. Wenn ich das Gefühl habe, ohnehin nicht gehört zu werden, dann schreie ich halt lauter.
Im Westen sind Debatten stärker von unausgesprochenen Grundannahmen geprägt: Man teilt bestimmte normative Leitplanken und streitet über Details. Wer diese Leitplanken infrage stellt, gilt schneller als problematisch. Während im Westen das Aushandeln von Kompromissen oft als Wert an sich gilt, stehen im Osten die Forderung nach Klarheit und Authentizität im Vordergrund.“
Gibt es generell so etwas wie regionale Unterschiede in der Debattenkultur?
„Ich wäre da sehr zurückhaltend. Regionale Unterschiede im Sinne von Mentalitätsunterschieden sind vermutlich weniger relevant. Entscheidend ist nicht der Ort, sondern die Erfahrung von Teilhabe, Gerechtigkeit und Wirksamkeit, die die Menschen dort machen.
Was wir sehen, sind Kontexteffekte: In Regionen mit geringem Institutionenvertrauen, starkem Ungerechtigkeitsempfinden oder wirtschaftlicher Unsicherheit wird öffentliche Debatte schneller als abgehoben wahrgenommen. Das betrifft Teile Ostdeutschlands – aber genauso ländliche oder strukturschwache Regionen im Westen. Ein wichtiger Faktor ist die Wohnortgröße. In kleineren Städten und ländlichen Räumen kennt man sich, begegnet sich wieder. Das macht Alltagsdebatten oft vorsichtiger, manchmal konfliktscheuer. Gleichzeitig wächst dort die Distanz zu nationalen Debatten, die als laut und wenig anschlussfähig erlebt werden.
Wichtig ist außerdem: Der Unterschied zwischen Online- und Offline-Debatten ist oft größer als der zwischen Regionen. Viele Eskalationen entstehen online durch Anonymität und Zuspitzung. Digitale Diskussionen neigen, allein schon durch ihre Geschwindigkeit und Struktur, eher zu Konflikten und zu Meinungspolarisierung. Offline wird meist verantwortlicher, d. h. ruhiger, abwägender und auch wohlwollender gestritten.
Vor Ort spielt die Qualität der lokalen Öffentlichkeit eine große Rolle. Wo es noch lokale Medien gibt, die Themen vor Ort abbilden und einordnen, ist der Ton häufig sachlicher. Debatten brauchen Orte, auch mediale. Fehlen sie, wird es überall schwieriger.“
Wie ließe sich Vertrauen zurückgewinnen, vor allem in Ostdeutschland?
„Vertrauen lässt sich nicht verordnen oder herbeireden. Es entsteht durch Erfahrungen. Menschen vertrauen Institutionen und Medien, wenn sie von diesen fair behandelt werden und sich daran wiederfinden. Sie wollen ernst genommen werden und Herrinnen und Herren ihres eigenen Schicksals sein: Resonanz und Selbstwirksamkeit.
Dazu braucht es Anerkennung. Viele Ostdeutsche haben das Gefühl, dass ihre Biografien und Brüche nach 1990 nie wirklich gewürdigt wurden. Vertrauen wächst, wenn ostdeutsche Perspektiven sichtbar werden, in Medien, in Führungsetagen, in Entscheidungsprozessen.
Dabei geht es auch um Gerechtigkeit im Alltag. Wo Schulen, Verwaltungen, Verkehr oder medizinische Versorgung schlechter funktionieren, wirkt jede Demokratieerzählung hohl. Es gibt Studien, die zeigen: Vertrauen ist dort höher, wo staatliche Institutionen verlässlich präsent sind.
Letztlich, und da sind wir beim Kern des Themas Debattenkultur, ist der Umgang mit Konflikten entscheidend. Vertrauen entsteht nicht durch Belehrung oder moralischen Druck. Zweifel, Kritik und auch Ärger müssen sagbar sein, ohne dass Menschen sofort etikettiert oder ausgegrenzt werden. Klar, ohne Toleranz gegenüber Bedrohung und Angriffen, aber mit einem gewissen Grundrespekt auch für unangenehme und zumutende Meinungen.
Kurz gesagt: Vertrauen kehrt zurück, wenn Demokratie nicht über Menschen hinweg, sondern mit ihnen funktioniert, auch dann, wenn das anstrengend wird.“
Wie kann man die Debattenkultur in Deutschland stärken und welche Rolle spielen dabei Schulen?
„Streit ist kein ‚nice to have‘. Streit ist der Kern der Demokratie. Er sollte auch nicht zu bloßer Folklore werden, bei der man Debatten aufführt, obwohl sich alle schon einig sind. Gute Debatten entstehen dort, wo Interessen, Sorgen und auch echte, harte und unangenehme Konflikte sichtbar ausgetragen werden dürfen. Differenzen aushalten zu können, die sogenannte Ambiguitätstoleranz, ist die elementare Kompetenz in diesem Zusammenhang.
Um die Debattenkultur zu stärken, sollten wir den Unterschied zwischen Online- und Offline-Debatten ernst nehmen. Digitale Räume belohnen Zuspitzung. Dafür braucht es Medienkompetenz, um die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie zu erkennen. Wichtiger noch sind aber Orte, an denen Menschen sich begegnen, zuhören und Verantwortung füreinander tragen, an denen niemand Angst haben muss, an der Debatte teilzunehmen.
Und damit sind wir bei den Schulen. Sie haben das Potenzial, das Fundament einer neuen Debattenkultur zu sein. Nicht, weil dort ‚richtige Meinungen‘ vermittelt werden sollen, sondern weil junge Menschen lernen, zu argumentieren, zu widersprechen und mit Widerspruch umzugehen. Wer dabei früh erlebt, dass die eigene Stimme zählt, streitet später engagierter und hoffentlich demokratischer. Wichtig dabei: Es sollte nicht nur Trockenschwimmen sein, sondern idealerweise die aktive Mitgestaltung des eigenen Schulalltags betreffen. Das heißt, Demokratie und Debatte nicht nur lehren, sondern als Lebensform erfahrbar machen.“
